Logo mit Schriftzug HIV und Arbeit, darunter drei rote Schleifen, daneben eine rote Nelke

Karriere und Beruf mit HIV? Na klar!

So manche Vorurteile und veraltete Vorstellungen von HIV sind immer noch nicht überwunden. Die gute Nachricht aber: HIV-positive Menschen können ohne Einschränkungen am Arbeitsleben teilnehmen und eine ganze Reihe von Urteilen schützt sie vor Diskriminierung und sichert ihre Rechte. Aber auch Arbeitgeber_innen und Gewerkschaften zeigen mehr und mehr Flagge: Positiv arbeiten ist das Selbstverständlichste der Welt.

Denis Leuthoff musste gar nicht lange darüber nachdenken. Sich in seinem Betrieb als HIV-positiv zu outen, war für ihn keine Option. „Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, welche Auswirkungen das haben könnte.“ Vielleicht hätte er damit sogar seinen Job riskiert.Denis Leuthoff war damals als Abteilungsleiter in einer traditionsreichen Schokoladenfabrik beschäftigt. „Ich hätte alle Kollegen im Qualitätsmanagement davon überzeugen müssen, dass ich keinerlei Infektionsrisiko darstelle“, erzählt er. Und womöglich wäre das auch gelungen. Aber ob das auch die vielen Mitarbeitenden in der Produktion verstanden hätten? Wie richtig er mit diesen Bedenken gelegen hatte, erfuhr Leuthoff ein Jahr später. Den alten Beruf hatte er an den Nagel gehängt und als Quereinsteiger bei der Aidshilfe in Halle einen neuen Anfang gewagt – und sich in einem Zeitungsartikel selbstbewusst als deren HIV-positiver Mitarbeiter vorgestellt. Sein ehemaliger Schichtleiter und mit ihm weitere engere Kollegen hatten ihm zu diesem Schritt gratuliert: „Gut, dass du das gemacht hast“. Andere aber, so trug man Leuthoff zu, äußerten sich weniger aufgeschlossen. „Dass jemand mit HIV überhaupt arbeiten geht, zumal in der Lebensmittelindustrie, war für sie unverständlich“. Fakt ist jedoch, dass das HI-Virus im beruflichen Alltag nicht übertragen werden kann. Besondere Maßnahmen im Berufsalltag sind nur für bestimmte chirurgische Tätigkeiten erforderlich.

Fortschritte im Umgang mit HIV

Zehn Jahre sind vergangen, seit Denis aufgehört hat, in der Schokoladenfabrik zu arbeiten. Heute könnten sich HIV-positive Beschäftige weitaus entspannter für ein Coming-out gegenüber den Kolleg_innen entscheiden. Und bei Denis Leuthoff in der Aidshilfe bekommen sie bei Bedarf umfassende Unterstützung. Denn in den vergangenen zehn Jahren hat sich nicht nur in der Behandlung von HIV viel getan, sondern auch in der Rechtsprechung und Gesetzgebung. Bei einer erfolgreichen Behandlung ist das Virus faktisch im Körper nicht mehr nachweisbar. Menschen mit HIV sind in der Regel nicht in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Positiver Nebeneffekt der Behandlung: Das Virus kann auch selbst beim Sex nicht mehr weitergegeben werden. Im Berufsleben und bei Alltagskontakten war HIV noch nie übertragbar.

Rechtssicherheit für HIV-positive Menschen in der Arbeitswelt

Diese Nachricht ist allerdings noch nicht überall in den Betrieben, Personalbüros, Firmenleitungen und Belegschaften durchgedrungen. Bei manchen Arbeitgeber_innen, beispielsweise bei der Polizei musste eine generelle Ablehnung aufgrund einer HIV-Infektion erst durch ein richterliches Urteil unterbunden werden. Bereits 2013 hat das Bundesarbeitsgericht in einem aufsehenerregenden Urteil klar gemacht, dass eine HIV-Infektion keinen Kündigungsgrund darstellt. Auch für eine Verbeamtung ist eine HIV-Infektion allein kein grundsätzliches Hindernis, wie Matthias Schlenzka, Leiter der Abteilung Öffentlicher Dienst und Beamtenpolitik beim DGB-Bezirk Berlin-Brandenburg, im Interview erläutert.                                       

HIV-positive Beschäftige sehen sich jedoch nicht nur mir veralteten Vorstellungen konfrontiert, was Ansteckungsrisiken angeht. Auch an ihrer Leistungsfähigkeit wird viel zu oft gezweifelt und etwa höhere Ausfallzeiten vermutet. Eine in Nordrhein-Westfalen durchgeführte Studie beweist aber nun das Gegenteil.

Kein Unterschied zu anderen chronischen Erkrankungen

„HIV-positive Beschäftigte haben deutlich weniger Fehltage als andere chronisch Erkrankte und sogar weniger als der Durchschnitt aller Arbeitnehmenden“, sagt Stephan Gellrich. Er hat für die Aidshilfe NRW die Studie „Chronische Erkrankungen am Arbeitsplatz“ mit initiiert, in der erstmals vergleichend die Situation von Menschen mit HIV, Multipler-Sklerose bzw. Rheumaerkrankten erfragt wurde. Die Ergebnisse waren zum Teil überraschend. „Was die Auswirkungen auf den Arbeitsbereich angeht, unterscheidet sich HIV überhaupt nicht von anderen chronischen Erkrankungen“, erklärt Stephan Gellrich. „Auch die Schwierigkeiten, die solche Beschäftige haben, sind recht ähnlich – egal, ob sie an rheumatischen Erkrankungen, Multipler Sklerose oder einer HIV-Infektion leiden.“ Doch Menschen mit HIV trauen sich immer noch nicht im gleichen Maße ihre Erkrankung offen zu machen – aus Angst vor möglichen Nachteilen und Diskriminierungen. Über weitere Studienergebnisse spricht Stephan Gellrich in unserem Interview.

Der Kampf gegen Diskriminierung geht weiter

Umso wichtiger ist es für HIV-positive Arbeitnehmer_innen, dass sie sich des Rückhalts sicher sein können, wenn sie Rat, Hilfe und Unterstützung benötigen. Die regionalen Aidshilfen wie auch die DAH-Kontaktstelle HIV-bezogene Diskriminierung sind insbesondere in Konfliktfällen eine wichtige Anlaufstelle.

Aber auch viele Gewerkschaften und Arbeitnehmer_innenvertretungen haben inzwischen erkannt, dass auch sie das Thema auf ihre Agenda setzen müssen. Denn: „Bei HIV müssen wir leider immer noch mit Diskriminierung und sogar mit Stigmatisierung rechnen“, stellt Sebastian Krebs, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW, fest. Die Folge: „Die wenigsten der uns bekannten HIV-positiven Kolleg_innen haben sich in der Schule, gegenüber Kolleg_innen oder gar gegenüber Schüler_innen, als solche geoutet“, berichtet Bodo Busch. Er ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft LSBTI in der GEW NRW. Zwei HIV-positive Mitglieder der AG engagieren sich bereits ehrenamtlich in der HIV-Community: bei „POSITHIV HANDELN” der Aidshilfe NRW, mit Workshops „HIV-positiv in der Schule“ im Rahmen der bundesweiten schwulen Lehrertreffen im Waldschlösschen und als Buddys im bundeweiten DAH-Projekt buddy.hiv. Sie sorgen so für eine enge Vernetzung. Geplant ist darüber hinaus auch eine Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft der Schwerbehinderten-Vertreter_innen in der GEW. Hier geht es zum ganzen Interview mit Sebastian Krebs von der GEW NRW.

Der Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter (VelsPol) arbeitet daran, jegliche Benachteiligung von Menschen mit HIV in der Polizei zu verhindern. Der Polizeikommissar Marco Klingberg berichtet im Gespräch über den Umgang der Polizei mit HIV-positiven Bewerber_innen und Kolleg_innen und der viel kritisierten „Polizeidienstvorschrift 300“.

Engagement von Arbeitgeber_innen besonders wichtig

Aber auch die Arbeitgeber_innen sind in der Pflicht, sich darum zu kümmern, dass ihre HIV-positiven Beschäftigten Diskriminierung oder Ausgrenzung am Arbeitsplatz aufgrund ihrer Infektion gar nicht erst befürchten müssen.

Ein entsprechendes Zeichen setzt die 2019 von der DAH initiierte Deklaration „positiv arbeiten“. Mittlerweile haben bereits mehr als 70 Arbeitgeber_innen die Deklaration unterzeichnet, darunter Krankenkassen, Behörden, Stadtverwaltungen und große Konzerne wie etwa IBM, SAP, die Deutsche Bahn und Siemens.

„Diversity wird bei uns inzwischen einfach gelebt und gar nicht mehr infrage gestellt. Selbstverständlich gilt es, dies immer weiterzuentwickeln“, erläutert Norbert Janzen, Geschäftsführer von IBM Deutschland, diese Entscheidung. „HIV ist dabei ein Aspekt. Diese Offenheit, diese Vielfalt an Meinungen und Perspektiven ist für ein Unternehmen wie das unsere absolut essenziell.“ (https://magazin.hiv/2019/07/22/offenheit-gegenueber-hiv/)

Und Axel Wedler, Senior Manager bei IBM, ergänzt: „Ich glaube, dass dieses Thema – und das betrifft letztlich jede chronische Erkrankung – erst dann glaubhaft transportiert werden kann, wenn es ein Gesicht hat. Wenn sich also in einer Firma Mitarbeiter finden, die mit ihrer chronischen Erkrankung offen umgehen, dann geben sie den Kollegen die Chance, darüber nachzudenken, wie sie mit solchen Erkrankungen und Kollegen, die betroffen sind, umgehen.“

Auch das schleswig-holsteinische Sozialministerium hat sich der Deklaration angeschlossen. „Mit der Unterzeichnung möchte ich auch dazu beitragen, dass HIV-positive Menschen im Berufsleben Offenheit und Respekt erfahren“, erklärt der zuständige Minister Heiner Garg. „Bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie muss HIV heute keine Einschränkungen mehr nach sich ziehen. Menschen mit HIV können ihren Beruf ausüben wie andere Beschäftige auch! Auch sie sind bei uns im Ministerium herzlich willkommen!“

HIV-Coming-out als Befreiungsschlag

Eine solche Offenheit ist wichtig, damit chronisch Kranke selbst offen mit ihrer Erkrankung umgehen können. „Ich erlebe immer wieder in meinem Umfeld, dass sich Menschen im Berufsleben outen und nur gute Erfahrungen damit machen und nicht mehr irgendwelche Geschichten konstruieren müssen. Dieser Druck fällt weg“, sagt Denis Leuthoff.

Für Andreas, der in der Personalabteilung eines Chemiekonzerns arbeitet, war dies einer der Gründe, weshalb er gegenüber engen Kolleg_innen kein Geheimnis mehr aus seiner HIV-Infektion machen wollte: „Ich fand es einfach schade, dass ich einen wichtigen Teil meines Lebens außen vor lassen soll, nur weil man Angst hat, diskriminiert zu werden. Auf Dauer ist das eine Belastung.“ Und er hat diese Entscheidung nicht bereut. Die meisten, bei denen er sich geoutet habe, sind jüngere Kolleg_innen, erzählt Andreas, und er ist immer wieder überrascht, wie gut sie über HIV Bescheid wissen. „Im besten Falle wird das Positivsein als etwas Normales empfunden, als eine Privatsache, über die ich genauso offen reden kann wie über andere Dinge auch.“ (Hier geht es zum Interview mit Andreas)

Aufklärungsarbeit und Aktivismus gemeinsam angehen

Damit so ein Umgang mit HIV in der Arbeitswelt zur Selbstverständlichkeit wird, müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen: Arbeitgeber_innen, Arbeitnehmer_innen und auch deren Interessensverbände. Der 1. Mai als Tag der Arbeit ist ein guter Anlass, um diese Nachricht zu transportieren. Gehandelt werden muss aber über das ganze Jahr.

Packen wir’s also gemeinsam an. Beteiligt euch an unseren Aktionen rund um den 1. Mai!

Mehr Infos findet ihr unter #HIVUndArbeit und bei Facebook, Instagram und Twitter