Community wirkt: Gesundheitsversorgung ohne Stigmatisierung

Stühle im Wartebereich
© Jürgen Fälchle | stock.adobe_.com_.jpeg

XXelle, Praxis Vielfalt, Queermed oder Roter Stöckelschuh: Diesen Projekten ist gemeinsam, dass sie Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, Unterstützung und Orientierung bieten. Sie schaffen Alternativen zu öffentlichen Strukturen und gehen gegen Diskriminierung vor. 

Eine deutsche Universitätsklinik, die einen HIV-positiven Patienten ablehnt? „Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt“, sagt Carsten. Doch seine Erfahrungen vermitteln einen anderen Eindruck. Eine Woche vor einem vereinbarten Zahnarzttermin sagte die Klinik ab. 

„Es hieß: Wir nehmen keine neuen Patient*innen. Ich war dort aber Jahre zuvor schon in der HIV-Schwerpunktpraxis in Behandlung gewesen“, erzählt der Mitte Fünfzigjährige, der seinen Nachnamen bei diesem sensiblen Thema lieber nicht nennen möchte. Später hatte er eine andere Zahnärztin gefunden, bei der er sich mit seiner Parodontose in guten Händen fühlte. „So etwas kann sehr schwerwiegend sein und zu totalem Zahnverlust führen, wenn das Immunsystem kaputt ist.“ Als seine aktuelle Zahnärztin an die Uniklinik wechselte, wollte sie ihn gerne als Patienten mitnehmen. Doch was er auch probierte: Carsten bekam keinen Termin.

Mit der örtlichen Aidshilfe und der Kontaktstelle HIV-bezogene Diskriminierung der Deutschen Aidshilfe wandte er sich schließlich mit einer Beschwerde an die Klinik. Im Antwortschreiben hieß es, dass Carsten keinen Termin bekommen hätte, weil die Klinik ihre „immungeschwächten“ Patient*innen schützen müsse. „Ich dachte dann: Ihr müsst andere Patient*innen vor mir als HIV-Positivem schützen? Müsst ihr nicht alle Patient*innen vor allen übertragbaren Infektion schützen?“, erzählt Carsten. Erst, nachdem er sich gemeinsam mit der Aidshilfe und der Kontaktstelle an eine HIV-Expert*in der Klinik wandte, änderte sich etwas. Im nächsten Schreiben hieß es dann, dass das „Prozessmanagement“ verändert worden sei, was konkret heißt: Statt separater Zeitslots für HIV-Positive werden nun alle Patient*innen gleich behandelt und können in der Parodontologie einen Termin buchen. Carsten sieht das als Zeichen dafür, dass es sich lohnen kann, sich gegen Diskriminierung zu wehren. 

Eine Strategie: Allianzen mit Gleichgesinnten 

Gründe für Diskriminierungen im Gesundheitswesen sind vielfältig. Dazu zählen Angst, Unwissenheit, Vorurteile, aber auch festgefahrene, unflexible Strukturen, Zeitdruck und Stress. Als bei ihm eine HIV-Infektion diagnostiziert wurde, sei das Wort „Diskriminierung“ noch gar nicht verwendet worden, erzählt Carsten. „Man war an allem selbst schuld.“ Schon damals aber sei ihm klargewesen, dass die Art, mit der behandelt wurde, nicht richtig war. „Der Arzt hat mir einfach gesagt: Wenn Sie Glück haben, leben Sie noch vier Jahre“. Keine Beratung, kein mitfühlendes Wort. Als alternative und unabhängige Beratungsmöglichkeit hatte Carsten nach der Wende die Aidshilfe Dresden mitbegründet. „Bei staatlichen Stellen haben manche Leute Schwellenangst. Behörden flößen Respekt ein und verbreiten nicht unbedingt ein Klima, in dem man über sehr intime Dinge sprechen möchte. Menschen haben Angst, dass sie mit den Informationen nicht sorgfältig genug umgehen.“ 

Trotz des unangenehmen Erlebnisses mit der Uniklinik bleibt er optimistisch. „Wir haben ein gutes Gesundheitswesen, das muss man auch sagen. Aber das heißt nicht, dass wir uns deshalb schlechte Behandlung gefallen lassen müssen.“ 

Diskriminierung während der Schwangerschaft und Stillzeit 

Das sieht auch Birgit Körbel so. Sie ist Beraterin beim Frauen- und Familienzentrum der Aidshilfe Köln und Sprecherin von XXelle, der Marke der Frauenarbeit in Nordrhein-Westfalen zum Thema HIV. Seit mehr als 15 Jahren arbeiten die Mitglieder daran, über frauenspezifische Themen aufzuklären, gegen Diskriminierung zu kämpfen und Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. „Besonders viel Diskriminierung erleben HIV-positive Frauen in der Schwangerschaft“, sagt Körbel. Für HIV-positive Personen, die mit antiretroviraler Therapie behandelt werden, ist es möglich, auf natürlichem Weg ein Kind zur Welt zu bringen und zu stillen. „Trotzdem wird Frauen nach wie vor häufig vom Stillen abgeraten und Neugeborenen wird teilweise ohne Einwilligung der Mutter ein HIV-Medikament gegeben.“ Aber sie berichtet auch, wie sich die Community engagiert, um in ihrem Sinne Veränderungen zu bewirken. So arbeite eine Aktivistin von XXelle PLUS, einem Zusammenschluss von HIV-positiven Aktivistinnen aus Nordrhein-Westfalen, gerade an der Überarbeitung der „Deutsch-Österreichischen Leitlinien zur HIV-Therapie in der Schwangerschaft und bei HIV-exponierten Neugeborenen mit. 

Frauen von Xxelle auf der Weltaidskonferenz
© DAH | Bild: Johannes Berger

40 Prozent der Frauen erführen erst im Rahmen ihrer Schwangerschaft, dass sie HIV-positiv sind, sagt Körbel. „Das ist viel. Einige kommen dann zu uns ins Frauen- und Familienzentrum, weil sie total verzweifelt sind. Wir machen dann die Basisarbeit.“ Dass viele Frauen erst so spät von ihrer HIV-Infektion erfahren, sei ein großes Problem. Sie kritisiert, dass mit Frauen viel zu wenig über Sex gesprochen werde. „Ich würde mir wünschen, dass Frauen in ihrer gelebten Sexualität wahrgenommen würden. Gynäkolog*innen sollten Frauen ganz selbstverständlich nach ihrem Sexleben fragen. Das gehört zu einer guten Anamnese dazu. Wichtig sei auch, über die PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe) aufzuklären, ein Medikament zur Vorsorge vor einem möglichen HIV-Kontakt. „Viele Frauen wissen aber gar nicht, dass es die Option gibt“, sagt Körbel. Und Gynäkolog*innen berieten Frauen nicht ausreichend dazu.

Besonders stark von Diskriminierung seien HIV-positive Frauen betroffen, die als Migrant*innen gelesen werden. „Wir machen die Erfahrung: Je dunkler die Hautfarbe, desto größer die Stigmatisierung. Dann heißt es oft: Die nehmen ihre Medikamente nicht regelmäßig, die haben eine schlechte Compliance. Da wird ganz viel unterstellt.“ 

Der „Rote Stöckelschuh“ steht für einen sensiblen Umgang mit Sexarbeitenden 

Roter Stöckelschuh
© Kaspars Grinvalds - stock.adobe_.com_.jpeg

Auch Sexarbeitende erleben Mehrfachdiskriminierung. Zur Stigmatisierung aufgrund ihres Jobs kämen Faktoren wie ein potenzieller Migrationshintergrund, Transidentität oder Drogengebrauch, sagt Eléonore Willems, Fachreferentin der Deutschen Aidshilfe für weibliche Sexarbeit und Frauen im Kontext von HIV/STI. „Manche von ihnen befinden sich in der rechtlichen Illegalität und haben keine Krankenversicherung. Sie leben ,under cover’ und trauen sich nicht, bestimmte Stellen aufzusuchen.“ Als Projektleiterin hat Eléonore Willems für die Deutsche Aidshilfe eine partizipative Studie betreut, bei der Sexarbeitende in Gruppengesprächen von ihrer gesundheitlichen Situation und anderen Aspekten ihres Berufsalltags berichteten. „Viele haben gesagt, dass sie sich bei Ärzt*innen nicht outen, weil sie sich vor einer Verurteilung fürchten.“ Dabei ist eine gute gesundheitliche Versorgung für Sexarbeitende wichtig – auch in Bezug auf HIV und sexuell übertragbare Krankheiten. „Viele sind besser informiert als Menschen in anderen Berufen. Sexuelle Gesundheit ist ihr Job, ihr Körper ist ihr Kapital, sagt Eléonore Willems.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) leiste in Deutschland auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes wichtige Arbeit, was Untersuchungs- und Beratungsangebote angehe. „Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Städten enorm, was auch an unterschiedlichen Ressourcen liegt.“ Was in Deutschland bisher fehle, sei eine flächendeckende Lösung, zur Kostenübernahme von HIV-Therapie und PrEP bei Menschen ohne Krankenversicherung. „Dieser Flickenteppich ist ein Kernproblem, an dem der Bund arbeiten muss.

Ein Projekt, das Barrieren bei der Versorgung von Sexarbeiter*innen abbauen möchte, ist „Roter Stöckelschuh“, des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. Das Symbol an der Tür von Praxen und Gesundheitseinrichtungen soll signalisieren: Hier wird freundlich und sensibel mit Sexarbeiter*innen umgegangen. Das Projekt bietet eine Online-Landkarte mit Beratungsstellen, Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Gesundheitsdiensten und weiteren nützliche Adressen. Beim „Roten Stöckelschuh“ können sich Praxen und Beratungsstellen selbst eintragen, die das Leitbild des Projekts anerkennen. Außerdem können Sexarbeiter*innen Adressen angeben, die sie weiterempfehlen würden. 

Queermed Deutschland: Verzeichnis empfohlener Adressen 

Queermed Logo
© Sara Grzybek | Queermed

Über Empfehlungen funktioniert auch das Portal Queermed Deutschland. Wer gute Erfahrungen gemacht hat, kann einen Fragebogen zu Ärzt*innen, Therapeut*innen, Praxen oder Kliniken ausfüllen. In dem deutschlandweiten Verzeichnis können Patient*innen online nach Fachrichtungen, Orten, und auch nach Personengruppen und Merkmalen – etwa HIV-positiv, mehrgewichtig, Migrant*innen oder körperlich behinderte Menschen – suchen, um passende Vorschläge zu finden. Sara Grzybek hat das Portal nach dem Vorbild von queermed.at aufgebaut und bietet Vorträge und Workshops an, um gegen Diskriminierung im Gesundheitswesen zu sensibilisieren, aber auch Empowermentworkshops für Patient*innen. Im Gegensatz zum „Roten Stöckelschuh“ können hier nur Tipps abgegeben werden, Ärzt*innen können sich nicht selbst registrieren. 

Queermed möchte Hilfestellung bei der Suche nach sensibler gesundheitlicher Beratung und Behandlung bieten. Forschungsprojekte wie „positive stimmen 2.0 der Deutschen Aidshilfe oder auch der Afrozensus hätten gezeigt, wie viele Menschen von Diskriminierung, Rassismus und Klassismus betroffen sind, sagt Sara Grzybek. „Wenn man nicht gesehen und anerkannt wird, hat das Auswirkungen. Psychische Belastung kann langfristig krankmachen.“ Auch im Freund*innenkreis hört Grzybek Aussagen wie: „Ich muss zum Arzt und habe überhaupt keinen Bock darauf.“ Trans*personen berichteten immer wieder, dass ihr „Deadname“, den sie vor der Transition trugen, im Wartezimmer aufgerufen oder eine falsche Anrede benutzt werde. „Es sollte proaktiv gefragt werden: Wie können wir Sie aufrufen“, rät Grzybek.

Gütesiegel für Praxen, die einen Reflexionsprozess durchlaufen

Praxen und andere Einrichtungen, die ihr Personal proaktiv weiterbilden wollen, bietet das Projekt Praxis Vielfalt der Deutschen Aidshilfe ein digitales Lernmodul an. „Angefangen hat es mit Arztpraxen. Aber dann haben wir gemerkt, dass es mehr Bedarf gibt. Es melden sich auch Apotheken, Kliniken oder Psychotherapeut*innen bei uns, die sich zertifizieren lassen wollen“, erzählt Christopher Altermann vom Team Leben mit HIV der Deutschen Aidshilfe. Die Mitarbeiter*innen der jeweiligen Einrichtungen durchlaufen bei Praxis Vielfalt Module, die auf einen Reflexionsprozess zur Sensibilisierung für verschiedene Zielgruppen ausgelegt sind: Queere Menschen, Schwarze Menschen und Menschen mit HIV. „Es geht darum, sich in Patient*innen hineinzuversetzen. Zum Beispiel, indem Mitarbeiter*innen gemeinsam die Räumlichkeiten begehen und überlegen: Können Menschen im Wartezimmer alles hören, was am Empfang gesagt wird? Könnte sich dadurch jemand unwohl fühlen? Was bedeutet das für den Datenschutz?“ Zum Lernprogramm gehört auch ein E-Learning-Angebot, in dem zum Beispiel medizinisch aktuelles Wissen zu HIV vermittelt wird. Wer die Module durchlaufen hat, bekommt das Gütesiegel „Praxis Vielfalt“ verliehen. „Wir können natürlich nicht versprechen, dass dann keine Diskriminierung mehr stattfindet. Aber wir können sagen: Das ist eine Praxis, die sich mit euren Themen auseinandergesetzt hat“, sagt Altermann. 

Wie der Rote Stöckelschuh und Queermed setzt auch Praxis Vielfalt darauf, Orientierung zu geben und zur Sensibilisierung im Gesundheitswesen beizutragen. Themen, die mit Gesundheit, Körper, Sexualität und Identität zu tun haben, sind häufig scham- und angstbehaftet. Gerade im Gesundheitssystem sollte deshalb sensibilisiertes Personal arbeiten, fordert Sara Grzybek. „Im besten Fall wäre Queermed irgendwann überflüssig.“ Dazu sei ein Umdenken bei Krankenkassen, Gesundheitsämtern und im gesamten Gesundheitssystem notwendig. Ein wichtiger Baustein sei dabei, dass in der Ausbildung und im Studium mehr Augenmerk auf den sensiblen Umgang mit verschiedenen Personengruppen gelegt werden müsse. Denn wenn Menschen sich sicher und gut behandelt fühlen, kann dies zu einer besseren Vorsorge beitragen – und idealer Weise dazu, dass Krankheiten früh erkannt werden oder Beschwerden gar nicht erst auftreten.