Interviews mit Peers

Die peer-to-peer Befragung ist die Umsetzung für Deutschland des weltweiten People Living with HIV (PLHIV)-Stigma-Index-Projekts. Das Ziel dieses Moduls ist es, zu dokumentieren, wie Menschen mit HIV Stigmatisierung erleben. Grundlegend ist dabei der Peer-Ansatz: die Befragung ist nur von, mit und für Menschen mit HIV. Menschen mit HIV sollen durch die Mitarbeit in dem Projekt in ihrer Selbstorganisation und der eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema unterstützt werden. Umgesetzt wird dies über die Grundidee, dass Menschen mit HIV das Erleben von Stigmatisierung bei anderen Menschen mit HIV mittels Interviews selbst dokumentieren. In diesem Artikel berichten zwei Interviewer_innen aus ihren Erfahrungen bei positive stimmen und geben einen spannenden Einblick in das Projekt!

Mitmachen

Du lebst mit HIV und willst dich interviewen lassen? Dann melde dich bei uns und wir vermitteln dich mit einem/einer Interviewer_in (Kontakt). Wir sorgen dafür, dass deine Daten anonym bleiben.

Aktuelle Besonderheiten aufgrund der Corona-Pandemie: Interviews können nun auf Wunsch auch per Video geführt werden, sind aber weiterhin auch von Angesicht zu Ansicht möglich. Die Abstandsregeln werden dabei selbstverständlich eingehalten – ob im Freien, beispielweise im Garten oder einer ruhigen Ecke im Park, oder etwa in Räumen der örtlichen Aidshilfe. Wer mit einem Treffen lieber noch warten möchte, kann dennoch schon sein Interesse mitteilen.

Die Prinzipien

Den GIPA-Prinzipien (GIPA: Greater Involvment of People Living with HIV and Aids, d.h. größere Beteiligung von Menschen mit HIV und Aids) folgend, sind es Menschen mit HIV, die in dem Projekt Prozessverantwortung tragen, so z.B. vor allem bei der Dokumentation der Stigmatisierungserfahrungen. Dazu werden sie zu so genannten Peer Researchern ausgebildet, also Forschenden, die sich mit Themen auseinandersetzen, die sie selbst betreffen. Der Peer-Research-Ansatz soll zum einen zu einem besseren gegenseitigen Verständnis in der Interviewsituation beitragen. Zum anderen soll die Möglichkeit für die interviewte Person gegeben sein, über die interviewende Person Anknüpfung zu einem eigenen weiteren Engagement zu finden: seien es Kontakte zum Beratungssystem oder zu Initiativen der Selbstorganisation.

Bedeutsam im Rahmen des Projektes ist die Zusammenarbeit der verschiedenen in diesem Feld sich bewegenden Akteure. Das Projekt kann dazu dienen, neue Kooperationen aufzubauen und bestehende zu festigen. Von zentraler Bedeutung ist daher der Einbezug möglichst aller relevanten und interessierten Akteure im Feld bzw. deren aktive Beteiligung.

Nicht zuletzt soll das Projekt als Möglichkeit der Interessenvertretung genutzt werden. Sowohl der Prozess an sich, in dem Menschen mit HIV sich selbst des Themas annehmen, als auch die Ergebnisse, die Formen der Stigmatisierung aufzeigen, sollen Argumente liefern, um sich gegenüber Politik und (Fach-)Öffentlichkeit für die Belange von Menschen mit HIV einsetzen zu können.

Peer Forschung

Der englische Begriff „peers“ lässt sich mit Ebenbürtige oder Gleichgestellte bzw. Menschen einer „Bezugsgruppe“ übersetzen. Von peer research oder Peer-Forschung wird gesprochen, wenn Menschen, die eine bestimmte Erfahrung sehr gut kennen, andere Menschen, die diese Erfahrung ebenfalls kennen, zu dieser Erfahrung interviewen bzw. eine Forschung zu dieser Erfahrung weitgehend mitgestalten. Das kann etwa die Erfahrung sein, im Gefängnis gewesen zu sein, die Erfahrung, Drogen gebraucht zu haben, oder auch die Erfahrung, einer bestimmten Form von Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Die Erfahrung kann sich auch auf eine bestimmte, möglicherweise auch zugeschriebene Identität beziehen, beispielsweise als schwuler Mann, als lesbische Frau, als trans* Person, als Migrant_in usw. Diese Form der Forschung steht im Gegensatz zu einer auch als traditionell bezeichneten Forschung, bei der die ausgebildeten Forschenden meist eine große Distanz zum Forschungsthema haben. In der Peer-Forschung hingegen werden Menschen einer bestimmten Bezugsgruppe, die meist keine Forschungsausbildung oder -erfahrung mitbringen, als Peer-Forscher_innen ausgebildet.

Wichtige Merkmale des Peer-Forschungsansatzes sind

  1. die Teilnahme und Teilhabe jener, deren (Er-)Leben im Mittelpunkt der Forschung steht,
  2. ein aktivismusorientierter Ansatz, in dem die erhobenen Daten der Verbesserung der Situation dieser Menschen dienen, und
  3. das Empowerment der an der Forschung beteiligten Menschen der Bezugsgruppe.

Bei "positive stimmen" zeigen sich diese Merkmale darin, dass

  1. HIV-positive Menschen in Form des Beirats, der Interviewenden und der Interviewten die zentrale Rolle bei der Gestaltung der Forschung spielen,
  2. die Datenerhebung dem Zweck dient, die Situation und die verschiedenen Formen von Diskriminierung und Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen besser zu verstehen, um Ansätze zu entwickeln, diese Situation nachhaltig zu verändern,
  3. der Empowerment-Ansatz eine zentrale Rolle spielt: Umgesetzt wird er vor allem durch die Einbeziehung der Peer-Forscher_innen und ihre Ausbildung zu Interviewenden. Die Interviewenden wiederum geben dieses Empowerment bei den Interviews weiter – unter anderem mit Hilfe des Fragebogens, der nicht nur Informationen abfragt, sondern auch Informationen zur Verfügung stellt.

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